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Ildiko Bognar, kulturprozess, 2009
In wenigen Wochen nimmt der Jugendclub des Theaters im Palais unter der Leitung des Berliner Schauspielers und Theaterpädagogen Stefan Kleinert seine Tätigkeit wieder auf. 2006 ins Leben gerufen, besteht JUST („Jugendliche spielen Theater“) heute aus 15 Jugendlichen im Alter von 17 bis 25 Jahren, die nach Werken von Shakespeare, Lessing, Büchner und Kafka zuletzt Kleists „Hermannsschlacht“ und Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ erfolgreich zur Premiere brachten.
Keine leichte Kost, die Herausforderung nicht unerheblich. „Ich will die jungen Leute nicht schonen, sondern sie vor eine Aufgabe stellen“, so Kleinert, dessen Arbeit auf einem sprachlich-inhaltlichen Ansatz beruht und bereits in den regulären Spielplan des literarischen Kammertheaters am Festungsgraben integriert wurde. Seine niveauvollen Inszenierungen lassen der Sprache in der Tat jenen Stellenwert zukommen, den ihr ein zurzeit popularisiertes, auf dem rein körperlichen Ausdruck basierendes Performancetheater streitig macht. Die Anforderung, die der Pädagoge an die Jugendlichen stellt, umfasst sowohl die Beschäftigung mit dem manchmal sperrigen, altertümlichen Stil früherer Autoren als auch die kritische Annäherung an Werke der Weltliteratur in einem kulturgeschichtlichen Kontext.
Doch ist traditionsbewusstes Sprechtheater für eine Generation noch attraktiv, die ihr gesteigertes Bedürfnis nach Ausdruck und Selbstdarstellung dank Plattformen wie Twitter oder Facebook befriedigt und unter Kommunikation eine rasante Abfolge bis ins Kryptische gekürzter, meist belangloser Statusmeldungen oder SMS versteht? – Es mag verblüffen, dass auf die Frage, was ihn am meisten am Theater begeistert, Fitim Qenaj (19), treuestes Mitglied des Jugendclubs, ohne zu zögern die Sprache nennt. Das Konzept Sprache scheint aufzugehen, ernteten doch Kleinerts Inszenierungen auch bei der zweifachen Teilnahme von JUST am Klubszene Festival der Berliner Bühnen besonders viel Begeisterung und Beifall unter den jungen Nachwuchsschauspielern.
Sprache fasziniert zweifellos, und der verbale Austausch sowohl auf als auch abseits der Bühne zeichnet die wöchentlichen Proben des Jugendclubs aus. Der Theaterpädagoge macht den Heranwachsenden die klassischen Stoffe zugänglich, indem er einen Bogen von den Inhalten des zu erarbeitenden Stückes zu gesellschaftlichen und sozialpolitischen Fragen der Gegenwart spannt. Durch die Auseinandersetzung mit Ereignissen der Vergangenheit wird unweigerlich die Sensibilität für Themen geweckt, die uns hier und jetzt betreffen, und die Begegnung mit fiktiven Personen führt die Jugendlichen in der Regel zu einem Face-à-face mit sich selbst. So erhält Kleinerts Arbeit neben ihrem ausgeprägten Bildungsanspruch auch einen erzieherischen und entwicklungsfördernden Aspekt.
„Die Rollen, die ich spiele, sagt Fitim, ein bekennender Perfektionist, habe ich nie zur Gänze begriffen. Die Figuren sind ständig im Entstehen – wie ich selbst.“ In dieser wichtigen Phase der jugendlichen Identitätsfindung fungiert Kleinert neben seiner Position als Theaterpädagoge auch als Ansprechperson für die Heranwachsenden. Über die Beschäftigung mit Literatur gelangen in der Tat Probleme wie etwa Mobbing, Vergewaltigung, Situation der Einwanderer etc. zur Diskussion. – Fitim ist beispielsweise Kosovo-Albaner und flüchtete vierjährig mit seinen Eltern nach Deutschland. Die Jugendlichen lernen somit in einem geschützten Rahmen, sich mit Konflikten und den dabei frei werdenden Gefühlen auseinanderzusetzen, Verantwortung für sich sowie die Gruppe zu übernehmen und entwickeln zugleich Engagement und Selbstbewusstsein.
Kleinerts wertvollstes Honorar für seine theaterpädagogische Tätigkeit? „Das Vertrauen und die Dankbarkeit der Jugendlichen.“ Seine Ziele für die Zukunft? „Eine gewisse Wachsamkeit zu behalten und diese bei anderen zu wecken.“ Nun, um die Wachsamkeit vor dem Scheitern, um eine alters- und geschlechtsunabhängige Anziehung sowie die unaufhörliche Suche nach dem eigenen Sein wird es sich unter anderem bei seinem nächsten Projekt mit JUST handeln: Er hat sich erwartungsgemäß für kein geringeres Stück als Goethes „Faust I“ entschieden, das er diesmal nicht nur in gewohnt anspruchsvoller Weise auf die Bühne bringen, sondern auch als Vorlage für einen sehr persönlichen, dokumentierend-reflektierenden Film über den Jugendclub während und jenseits der Arbeit verwenden möchte. – Und Fitim? Er übernimmt die Rolle des Mephisto und freut sich auf seine nächste Herausforderung: „Die Figur bestmöglich zu spielen, um meinen Eltern etwas zurückgeben zu können.“
Anouk Meyer, Neues Deutschland, 26.9.2007
„Verstärkt werden soll die Arbeit mit jungen Leuten. Im Oktober nimmt der Jugendclub JUST (Jugendliche spielen Theater) seine Arbeit auf. Ziel des Projekts, das sich an 17- bis 25-Jährige richtet ist die Erarbeitung einer Produktion, die dann in den Spielplan aufgenommen wird. Zuständig für JUST ist der Berliner Schauspieler Stefan Kleinert, der als Dozent sowie Leiter des Uni- und Jugendclubs Würzburg pädagogische Erfahrungen gesammelt hat. Außerdem bietet das Theater im Palais Workshops für Schulen, Universitäten und Jugendzentren an.“
Kai Festersen, ZDF-Theater-Kanal, 2006
"Das Berliner Theater im Palais erweitert die Arbeit mit Jugendlichen und baut das theaterpädagogische Angebot aus. Stefan Kleinert verstärkt das Team als Theaterpädagoge".
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