Rätselhafte Variationen - Enigma

Enigma kommt aus dem Griechischen und heißt Rätsel.
Rätselhaft ist das Treffen zweier Männer: Ein erfolgreicher Schriftsteller, Nobelpreisträger, lebt abgeschieden auf einer einsamen Nordseeinsel. Er verweigert sich dem Medienrummel. Alt, aber noch sehr kraftvoll, hat er gerade ein neues Werk veröffentlicht. Wieder ein Bestseller. Ein Briefroman, eine Sammlung von bezaubernden Liebesbriefen. Dazu gewährt er wider Erwarten einem Journalisten ein Interview. Der misanthropische Autor empfängt seinen Gast mit Arroganz. Erstaunlicherweise lässt sich der Besucher nicht einschüchtern. Je mehr die beiden Männer ins Gespräch kommen, desto mehr spürt man ihre Beunruhigung.
Enigma hieß die Maschine, mit der das deutsche Heer im 2. Weltkrieg seine Botschaften verschlüsselte. Hier geht es um eine Entschlüsselung, vorsichtig, überraschend, ungewöhnlich ... und sehr berührend.
Wie bei KLEINE EHEVERBRECHEN vom selben Autor irritiert die unerklärliche Spannung zwischen den beiden Menschen. Dort wie hier geraten Akteure wie Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle, ehe sich ihnen die ganze Tragweite der Begegnung öffnet.
 
 
PRESSESTIMMEN

Theater im Palais: Macho und Softie in krachender Redeschlacht – der großartige Autor Eric-Emmanuel Schmitt. Bitte mehr von ihm auf Berlins Bühnen!

Bevor noch ein Wort fällt krachen Schüsse durch den Raum. Der weltberühmte Großschriftsteller Abel Znorko (Nobelpreisträger) ballert nämlich gern ein bisschen durch die ansonsten menschenleere Gegend. Hierhin, ins idyllische Häuschen auf entlegenem Eiland im Meer, hat sich der bekennende Egozentriker zurückgezogen. Um von dort aus – als berühmt misanthropischer Einsamkeitsfanatiker ‑ seine literarischen Erfolgsprodukte in die begierig darauf wartende Welt zu werfen. Zuletzt war‘s der berückende Liebesbriefroman „Die uneingestandene Liebe“. Ein Ereignis, das den Journalisten Erik Larsen von der Lokalpostille auf dem Festland antrieb, den Autor aufzusuchen. Um zu ergründen, ob überhaupt und inwieweit persönliche Erlebnisse das ruhmreiche Werk beeinflusst haben. Wider Erwarten gewährt Znorko die Audienz; freilich nicht ohne ziemlich zynische Begrüßung, indem er dicht am Kopf vorbei hinterrücks auf Larsen schießt. „Gut getroffen oder schlecht?“, fragt der arrogante Egomane grinsend den entsetzten Besucher.

Damit ist klar: Das wird kein leichtes Interview. Der Knall ist vielmehr Startschuss für ein rhetorisches Duell. Auslöser ist Larsens Frage nach der Person, die hinter den Initialen „H.M.“ steckt, der Znorko sein neues Opus widmete. Etwa eine heimliche Angebetete? Der Autor behauptet, Liebe sei nichts für ihn – Sex so oft wie möglich, ja; Liebe niemals. Doch der Zeitungsmann lässt nicht locker. Es kommt zu großen Krächen, Larsen jedoch bohrt unermüdlich weiter. Bis es heraus ist: H.M. steht für Helene Metternach, für eine Beziehung Znorkos aus sehr früher Zeit mit anschließender Brieffreundschaft, die sich fortsetzt bis in die Gegenwart. Allmählich kommen immer neue, immer unglaublichere Fakten ans Licht. Tatsachen, die beide Männer betreffen, sie schwer belasten und schließlich den eitel hochmütigen Romancier aus dem verkrampften Gleichgewicht schleudern.

Was für ein Wortgefecht! Was für ein blitzgescheites, philosophisch grundiertes (die Kunst und die Wirklichkeit), psychologisch explosives, obendrein extrem verrätseltes Kammerspiel zwischen zwei völlig gegensätzlichen Naturen: Der eisig-genialische, Literat und großspurig welterfahrene Machtmensch, der Gefühle einzig im Literarischen zulässt, daneben der zartbesaitete, hingebungsvolle, zu praktischer Mitmenschlichkeit, ja zur Aufopferung bereite „kleine“ provinzielle Gazetten-Schreiberling.

Mir bleibt rätselhaft, warum der zu den erfolgreichsten französischen Dramatikern zählende Eric-Emmanuel Schmitt (57, u.a. „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“) hierzulande eher zaghaft gespielt wird. Immerhin gilt er der weltberühmten Jasmina Reza als gleichrangig; liefert wie Madame Jasmina grandiose Parade-Auftritte für Schauspieler.

Schmitt, studierter Pianist und Philosoph, verknüpft auf dem Parkett des Boulevardtheaters (bei uns ein Problem?) geradezu genialisch kriminalistische Spannungsbögen voller verwirrender Wendungen vornehmlich bezüglich der Frage, inwieweit unser Dasein vom Schicksal oder von unseren Entscheidungen bestimmt ist.

Auch dafür steht beispielhaft sein Bravourstück „Variations Énigmatiques“, 1996 in Paris uraufgeführt, in Deutschland erstmals ein Jahr später im Hamburger Thalia-Theater heraus gekommen. Jetzt hat es Herbert Olschok mit Axel Werner (Znorko) und Jens-Uwe Bogadke (Larsen) im exquisiten Theater im Palais unter dem Titel „Rätselhafte Variationen – Enigma“ (deutsch von Annette und Paul Bäcker) inszeniert.

„Enigma“ taufte die deutsche Wehrmacht ihre Verschlüsselungsmaschine zur geheimen Nachrichtenübermittlung über Funk im Zweiten Weltkrieg, die schließlich in Schwerstarbeit decodiert wurde von den Engländern; namentlich vom Mathematik-Genie Alan Turing mittels dem von ihm entwickelten Rechner, den er – Wortschöpfung! ‑ Computer nannte.

Die Musikstücke, die so genannten 14 „Enigma-Variationen“, komponierte der englische Komponist Edward Elgar anno 1898, Ein in g-moll anhebendes, melancholisch sanftes, himmlisch verträumtes Orchesterwerk; für Kenner von allerhöchstem Raffinessement. Das hatte der hochmusikalische Schmitt im Hinterkopf als besonderen Kontrast zu seinen „Rätselhaften Variationen“

Spitzt sich doch das Duell der beiden so extrem gegensätzlichen Herren mit ihren entsprechenden Lebensläufen in aufregenden Wechselbädern der Gefühle Szene für Szene höchst hart und höchst dramatisch zu in gespenstisch sich aufladender Atmosphäre auf der von Gewittern und Meereswellen umtosten Einsamkeitsinsel. Spannend bis zuletzt.

Reinhard Wengierek (Kulturvolk Blog Nr. 248)

 

Vorstellung

27.05.2018, 16.00 Uhr

21.06.2018, 19.30 Uhr

22.06.2018, 19.30 Uhr

 

Besetzung und Hinweise

Regie: Herbert Olschok
Ausstattung: Sabine Pommerening
Mit: Jens-Uwe Bogadtke und Axel Werner

Dauer der Vorstellung: ca. 2 Stunden (incl. 1 Pause)