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Der eingebildete Kranke

von Molière
Es ist Molières letztes Stück und der Zufall wollte es, dass es den Autor selbst während einer Aufführung das Leben kostete. An einem Blutsturz, so ist es überliefert, sei Molière 1673 verschieden - was für ein groteskes Ende, welche Tragik!
Was für eine Komödie aber auch, in der gelogen, betrogen, verstellt und gespielt wird, dass es eine Freude ist. Keiner meint es ehrlich und auf nichts ist mehr Verlass. Im Mittel-punkt: der reiche Argan, dessen Tagwerk darin besteht, seine Tabletten zu zählen und seine Klistiere zu verlangen. Er, der glaubt, die Fäden in der Hand zu halten, wird zum ersten Opfer innerhalb dieses bezarren Spiels, in dem keiner mit offenen Karten agiert. Jeder manipuliert jeden zum Zwecke des eigenen Nutzens aus der Schwäche des anderen. Beziehungskälte und Verstellung, Lüge und Raffinesse zum eigenen Vorteil bestimmen die Figuren bis zur Hilfs- und Orientierungslosigkeit hin.


Fassung und Regie: Barbara Abend
Bühnenbild: Wiebke Horn
Kostüme: Ute Rathmann
Musik und am Klavier: Ute Falkenau
Mit: Gundula Köster, Gabriele Streichhahn, Jens-Uwe Bogadtke, Daniel PP Komma und Carl Martin Spengler

Kritiken
Axel Schalk, Zitty
Die Fassung des letzten Molière-Stücks, die das Ensemble entwickelt, setzt auf die grotesken Elemente des Dramas und will die Mechanismen und Kraft der Manipulation aufzeigen. In einem engen, sterilen Jalousien-Käfig sitzt der schwarz gekleidete ver-meintlich Kranke, um den sich ein mit Musik untermaltes, dynamisches, straff choreographiertes Intrigenspiel entwickelt. Auf der kleinen Bühne des Theaters im Palais agiert tatsächlich Jeder gegen Jeden, um den eigenen Vorteil durchzusetzen. Argan ist hier ein hysterischer Choleriker, mit Mundschutz und Gummihandschuhen nähert sich seine untreue Frau. Der Vater souffliert dem zu-künftigen Schwiegersohn, der die rotbäckige Tochter freien möchte. Schließlich gibt es ein visuell ansprechendes Maskenspiel am harmonischen Schluss, in dem Argan selbst zum Doktor promoviert wird.

Kritiken
Christoph Funke, Der Tagesspiegel
„Der Eingebildete Kranke‘ von Molière entzieht sich dem schnellen Urteil. Ist Argan ein Machtmensch, der Unterwerfung fordert, ein Einsamer, der nach Zuwendung giert, ein Hypochonder, der sich verrannt hat?
Barbara Abend rückt Argan im Theater im Palais ins Zentrum einer bösen Manipulation, macht ihn zu einem Wüterich, der selbstsüchtige Menschen nur so anzieht. Dieser Deutung entspricht die besondere Arbeitsweise des kleinen Theaters am Festungsgraben – fünf Darsteller spielen zehn Rollen, nur Argan ist ein Solitär. Die anderen wechseln Kostüm, Maske, Charakter hurtig und gut trainiert, verwandeln sich in immer neue Angreifer, die den „Kranken“ aus der Reserve locken, für sich gewinnen, umdrehen und ausschalten wollen. […]
Herein und heraus huschen Zofe, Frau, Töchter, Ärzte, Liebeshungrigem es wirbelt nur so um den verzweifelten, nach irgendeiner Identität suchenden Mann. Temperament ist da. Auch Zorn und Spaß, bis zum karnevalesken Ende, an dem Argan sich in einen Arzt verwandelt – der letzte Betrug.

Kritiken
Klaus Klingbeil, ddp
Als ein großer Theaterspaß mit ernstem Hintergrund wird Molières Stück "Der eingebildete Kranke" von 1673 im Berliner Theater im Palais geboten. In einer heutigen Fassung und in der Regie von Barbara Abend war am Donnerstag Abend begeistert gefeierte Premiere. Auch die Musik, die von Ute Falkenau am Klavier gespielt wird und von ihr selbst als Komponistin stammt, mündet in manchen wirkungsvollen, textlich pointierten Song.
Nur fünf Schauspieler sind in nicht weniger als neun Rollen zu erleben, voran Jens-Uwe Bogadtke in als der negative, in dieser Fassung belehrbare Argan, der sich schließlich selbst zum Arzt erklären lässt. Die übrigen vier Mimen erscheinen differenziert in jeweils zwei Rollen, Intendantin Gabriele Streichhahn als Argans Angetraute wie Dienerin.
Dieser Wechsel wird durch Ute Rathmanns charakteristische Kostüme unterstützt; das Bühnenbild stammt von Wiebke Horn. Der Text von Barbara Abend zitiert witzig auch Sentenzen aus dem Alltag und aus der Literatur.

Kritiken
Angelika Cromme, www.berliner-theaterkritiken.de
Hier […] ist Argan (Jens-Uwe Bogadtke) ein vitaler, zwar immer noch hoch hypochondrischer Mann, der aber doch wie Rumpelstilzchen aus der Haut zu fahren versteht, wenn es um die Durchsetzung seiner Interessen und engstirnigen Lebens- und Familienauffassung geht. […]
Die quietschlebendige, allzeit anwesende, wissende und geschickt agierende Gabriele Streichhahn (als Toinette) führt mit ihren klug eingefädelten Schachzügen die […] Mannschaft zum glücklichen Ende; und das kann natürlich nur gelingen, weil sie zugleich als Bèlinde, der geldgierigen Ehefrau Argans, die Machenschaften ihres Dienstmädchens nicht durchschaut und selbst viel zu sehr mit den ihren beschäftigt ist: eine Liebelei mit dem vorgeblichen Herrn Notar, der Argan überredet, sein Testament frühzeitig zu Bèlindes Vorteil aufzustellen. Carl Martin Spengler in den Rollen von Bonnefois, Diafoirus sen. und Béralde, argumentiert hochfahrend und in selbstsicherer Würde - im Kalkül nur eines: das liebe Geld, das ihm als Arzt, Notar und Apotheker sicher ist. Gundula Köster spielt zugleich Angelique und Louison, die beiden Töchter des Herrn Argon, und sie ist gar allerliebst anzuschauen mit ihren kleinen roten Pausbäckchen, den Schleifchen im Haar und dem artigen Gewand - doch geschickt und voller Eifer, dem Papa die Liebesheirat mit dem armen Schlucker Cléante abzuluchsen. Der gefällt weit mehr in der Rolle des zwar ziemlich einfältigen, aber dann doch nicht ganz so blöden Sohn des alten Diafoirus, der schnell gelernt hat, wie man Krankheiten rundweg sicher diagnostiziert ( immer: die Milz) und den Damen schmeichelt. Daniel PP Koma ist so skurril wie sein Name. Wiebke Horn hat ein passendes hübsches Bühnenbild gezaubert: die Seitenwände sind rot bespannt, und inmitten ein käfigartiger kleiner Raum, der hell erleuchtet und von Jalousien eingefasst ist, mit einem Krankenstuhl als einzigem Requisit. Ute Rathmann hat mit wenigen Aufsatzstücken die prachtvollen Roben jener Zeit verziert und die Frisuren und Perücken leicht verrückt karikiert.

Kritiken
Berliner Zeitung
Barbara Abend inszenierte im Theater im Palais Molières Komödie "Der eingebildete Kranke" als heiter-melancholisches Lügenspiel. Jens-Uwe Bogadtke als Hypochonder Argan ist der Sympathieträger. Er zeigt den eingebildeten Kranken als Opfer einer nicht mehr zu entschlüsselnden Welt, in der die Intrigen blühen. Die Gattin wartet, gierig aufs Erbe schielend, dass er endlich stirbt. Die Ärzte kassieren den selbsternannten Pflegefall schon zu Lebzeiten ab. Im Zweifelsfall ziehen sich die Mediziner aufs Lateinische zurück. Dann zittert Argan wie ein überalterter Säugling im Schaukelstuhl; in seinem feinfaltigen Gesicht tobt ein nervöser Kampf; die Augen huschen schreckhaft zwischen den Autoritäten hin und her.

Die Diagnose der Regie ist eindeutig: Argan leidet vor allem an Einsamkeit. Die Krankheiten sind seine letzten Freunde. Diesen Gedanken spiegelt das Bühnenbild von Wiebke Horn auf schöne Weise. Das Krankenzimmer ist ein weißer Lamellenkäfig, ein Quarantäneraum, den die durchtriebenen Besucher nur in jenen sterilen Fußtütchen betreten, wie wir sie aus dem OP-Saal kennen.[…]
Bis auf den Helden verkörpern alle mindestens zwei Rollen. Aus der Kleinheit des Ensembles macht die Inszenierung eine Tugend und treibt ihr Thema - Verkleidung, Verstellung und Täuschung - auf die Spitze. Umgeben von Trugbildern schwinden Argan die letzten Gewissheiten. Einen hohen Anteil am Vergnügen hat die Musik. Komponistin Ute Falkenau untermalt die Szenen feinfühlig und sinnstiftend wie eine Stummfilmpianistin.

 
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