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Männergespräche. Nachts. Oder. Bevor die Irrtümer verbraucht sind.
Ein Abend über Bertolt Brecht

Regie: Johanna Schall
Ausstattung: Jenny Schall
Musikalische Leitung: Ute Falkenau
Mit Carl Martin Spengler und Frank Buchwald

Carl Martin Spengler und Frank Buchwald
© Beate Nelken
Johanna Schall über Bertolt Brecht:

„Bertolt Eugen Brecht, toller Dichter, armer Kerl. Ziemlich jung gestorben, jetzt 52 Jahre tot und es wird über ihn geredet, als sei er ein frauenverschlingender, marxistischer Oberlehrer mit guten Endreimen gewesen. „Anmut sparet nicht noch Mühe Leidenschaft, nicht noch Verstand.
Dass ein gutes Deutschland blühe, Wie ein andres gutes Land. [. . .] Und weil wir dies Land verbessern, Lieben und beschirmen wirs, Und das liebste mags uns scheinen, So wie andern Völkern ihrs."


Klar und höflich, nicht die schlechteste Haltung für ein Volk. Es gibt dazu eine federleichte Melodie von Hanns Eisler. Wir haben ja jetzt die Hymne mit der gesummten Strophe... Immerhin sind wir konsequent.

Brecht dagegen hat im Laufe seines Lebens öfter seine Meinung geändert. Die Zeiten seines Lebens waren heftig, widersprüchlich, teilweise entsetzlich. Ich vermute, in solchen Zeiten ist man dazu verführt, nach sicheren Wahrheiten zu suchen. Und häufig hat er verstörende und zornige Fragen gestellt, manchmal hat er zu lang an gefundenen Antworten festgehalten. Hoffnungslosigkeit ist immer die einfachere Variante. Ein um Sachlichkeit kämpfender Romantiker, manchmal ein besserwisserischer Klugscheißer, ein poetischer Wort-Clown.
Es gibt ein Familiensprichwort: Brechts Reime sind die besten. Er wusste um seine Bürgerlichkeit, entkam ihr nie ganz, aber blieb wohl darum der eigenen Sentimentalität gegenüber immer misstrauisch.“



Johanna Schall sprach am 25.09.2008 mit dem Tagesspiegel

Die Regiseurin ist die Enkelin von Bertolt Brecht. Ihr Brecht-Abend „Männergespräche. Nachts. Oder. Bevor die Irrtümer verbraucht sind“ hat am 30.10. Premiere im Theater im Palais.

Welche Texte haben Sie für Ihren Brecht-Abend ausgewählt?

Brecht lebte in einer extremen Zeit. Als ich jetzt noch mal ganz viele von den Gedichten und Liedern gelesen habe, fiel mir auf, dass er zwischen einer hoffnungsvollen und einer nahezu fatalistischen Haltung schwankt. Diesen Widerstreit versuche ich auf die Bühne zu bringen.

Sie stellen fest, dass man Brecht heute vor allem als Frauenverschlinger und marxistischen Oberlehrer betrachtet. Welchen Brecht werden Sie denn zeigen?

Den Dichter! Natürlich hatte er auch oberlehrerhafte Tendenzen, und er hatte sicher auch sehr ungewöhnliche Beziehungen zu Frauen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Menschen auf bestimmte Schlagwörter reduziert – das ist langweilig! Aber ich inszeniere den Abend nicht, um ein anderes Brecht-Bild zu entwerfen. Es geht mir darum, dass wir uns über uns selber verständigen.

Kommen denn auch die obligatorischen Zigarren vor?

Um Gottes willen, nein! Die armen Jungs müssen doch auch singen, da können die nicht auch noch Zigarre rauchen! Die beiden Darsteller spielen nicht Brecht – da müssen Sie keine Angst haben. Der Abend – so viel kann ich schon mal verraten – ist eine ungewöhnliche Form des Begräbnisses. Was haben Sie von Brecht gelernt? (seufzt) Sehen Sie, bei Heine würde das keiner fragen, bei Brecht aber schon!
Christoph Funke, Der Tagesspiegel
Ein lustiges Begräbnis Die Regisseurin Johanna Schall spielt in „Männergespräche. Nachts. Oder. Bevor die Irrtümer verbraucht sind.“ mit dem Genie wie ein unartiges Kind.
Carl Martin Spengler und Frank Buchwald sind die Clowns, […] am Klavier stürmt Ute Falkenau durchs Werk der großen Brecht-Komponisten und gibt sarkastische Kommentare ab. Heller Spaß, rückhaltloser Einsatz: Spengler gibt den Gütigen, Buchwald den Aggressiven, der ans Gute nicht glauben mag. Schall denkt über einen Dichter nach, der seinen Zukunftsglauben durch das real existierende Widerwärtige zu retten versuchte – stur, mit bösem Zynismus und untergründiger Heiterkeit.



Ulrike Borowczyk, Berliner Morgenpost
Brecht-Enkelin beerdigt das Klischee […] Erstmalig nach immerhin 17 Jahren des Hauses steht mit „Männergespräche. Nachts. Oder. Bevor die Irrtümer verbraucht sind.“ ein Bertolt-Brecht-Abend auf dem Spielplan des Theaters im Palais.
Regie führt keine Geringere als die Brecht-Enkelin Johanna Schall. Die aber nach eigenem Bekunden keineswegs inszeniert, um damit ein neues Bild ihres Großpapas zu entwerfen, eines jenseits der Klischees vom marxistischen Oberlehrer und Frauenverschlinger.
Und doch gelingt ihr genau das, denn die beiden Clowns tragen das alte Brecht-Bild feixend in einem schwarzen Sarg zu Grabe. Der eine lang (Carl Martin Spengler), der andere kurz (Frank Buchwald), sind zwei hinreißend tragikomische Geschöpfe. […] Von Ute Falkenau süffisant am Piano begleitet, reiht sich dabei Gedicht an Gedicht. […] Nie wurde der „Surabaya-Jonny“ ungewöhnlicher und witziger gesungen als hier.
Allein diese fünf Minuten lohnen schon einen Besuch.


Ernst Schumacher, Berliner Zeitung
Die Enkelin Bertolt Brechts, Johanna Schall, Schauspielerin und Regisseurin, ist von dem Gerede abgestoßen, ihr Großvater sei „ein frauenverschlingender marxistischer Oberlehrer mit guten Endreimen gewesen.“
Sie selbst ist davon fasziniert, dass Brecht „im Laufe seines Lebens öfter seine Meinung geändert“ hat, weil „die Zeiten seines Lebens widersprüchlich, teilweise entsetzlich“ waren.
Sie sieht in ihm durchgängig „zwei Pole“ aufeinander prallen: „Einerseits dieser wissenschaftlich fundierte und doch fast kindliche Zukunftsglaube“, andererseits „diese kalte, analytische und gelegentlich zynische Sicht auf die Welt.“
Der Reiz bestehe für sie darin, „diese beiden Pole, auf zwei Schauspieler verteilt, aufeinander prallen zu lassen.“ Dementsprechend stellte sie aus dem lyrischen Werk Brechts mit Akribie Belege für beides zusammen, ohne dass sie nichtauthentische Zwischentexte benötigt.
Das Verfahren ist von Brecht vorgegeben, indem er das existenzialistisch eingetönte Gedicht „Von der Freundlichkeit der Welt“ (1921) in seinem letzten Lebensjahr mit dem „Gegenlied“ konterkarierte. […]
Die Bearbeiterin macht daraus eine viel weitergehende Methode: Sie durchsetzt auch in sich geschlossene Texte mit Gegenmeinungen. Aus Rezitation erwächst ein „Duell“ der beiden Schauspieler.


Klaus Klingbeil, ddp
Bertolt Brecht kommt erstmals in der 17-jährigen Geschichte des Berliner Theaters im Palais zu Ehren: Seine Enkelin Johanna Schall, langjährige Rostocker Schauspieldirektorin, hat das kurzweilige Programm „Männergespräche. Nachts. Oder. Bevor die Irrtümer verbraucht sind.“ inszeniert, ihre Schwester Jenny ausgestattet.
Das langjährige Ensemblemitglied Carl Martin Spengler und Frank Buchwald sind die wandlungsfähigen Protagonisten, die spielen, rezitieren und singen – bis hin zur „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill und dem „Solidaritätslied“ in der Vertonung von Hanns Eisler.
Ute Falkenau begleitet nicht nur am Klavier – sie spielt und singt mit.


Augsburger Allgemeine Zeitung
Alles, bloß keine Brecht-Nummern-Revue: Als das Berliner "Theater im Palais" die Brecht-Enkelin Johanna Schall vor zwei Jahren fragte, ob sie einen Brecht-Abend inszenieren wolle, nahm sich Schall vor, auf die Ohrwürmer weitgehend zu verzichten - außer auf den "Surabaya Johnny", den sie schon immer von einem Mann gesungen hören wollte.
Das Augsburger Publikum bedachte beim Gastspiel in der Komödie die Interpretation von Carl Martin Spengler (links) und Frank Buchwald mit großem Szenenapplaus. Die "Männergespräche", die die beiden Angestellten eines Beerdigungsinstituts ausschließlich mit Brecht-Texten bestritten, zeigten einen Schriftsteller, der in seiner Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit nicht einfach auf einen Nenner gebracht werden kann.