Gelacht, geweint: FONTANE

 

Gelacht, geweint: FONTANE

Wenn wir über die Straße gehn,
und der dummste Mensch
ruft uns zu:
alter Schafskopf!
so ärgern wir uns;
unser gutes Gewissen, dass wir zu den klügsten Leuten
der Christenheit zählen,
ist nicht mächtig genug,
uns diesen Ärger zu ersparen

(Theodor Fontane)

 

Heine sagte zu dem älteren Dumas: "Lieber Dumas, Sie haben gut schreiben, aber wer soll es lesen?" - so Theodor Fontane 1881 in einem Brief! Im Fontane-Jahr 2019 darf, aber muss nicht gelesen werden: Man kann die herrlichen Geschichten und Geschichtchen des Autors mit Augen und Ohren genießen. Was ihm bei seinen Wanderungen begegnet ist, war mal tragisch, mal komisch. So kommt man ins Grübeln, wenn es um den Ring der Familie derer von Quitzow geht. Oder gar um die Katte-Tragödie!
Man staunt über die Naivität, mit der sich ein reifer deutscher Mann während des Krieges 1870/71 durch Feindesland bewegte, und freut sich über die pointierten Schilderungen von Theatererlebnissen.

Aus den "Wanderungen", Briefen, Theaterkritiken und anderen Erinnerungen hat Annette Klare einen Abend zusammengestellt. Es fehlt nicht an einfühlsamer Beobachtungsgabe voller Lebensklugheit und Humor. Ein Weltbürger, der seine Wurzeln im märkischen Sand hatte.
Erleben Sie einen Theaterabend von einem Autor, der oft über, aber nie für das Theater geschrieben hat.

In Fontanes "Wanderungen" und Briefen finden sich ungeheure Geschichten, die ein verblüffendes Eigenleben haben. Diesen Geschichten werden wir uns spielerisch nähern und ihre Aktualität sinnlich erlebbar machen.

Vorstellung

20.09.2019, 19.30 Uhr
21.09.2019, 19.30 Uhr

16.10. 2019, 20.00 Uhr | Gastspiel in Brüssel, Atelier Marcel Hastir

13.11.2019, 19.30 Uhr
14.11.2019, 19.30 Uhr

 

Gelacht, geweint: FONTANE

Buch und Regie:
Annette Klare

Es spielen
Gabriele Streichhahn, Jens-Uwe Bogadtke,
Carl Martin Spengler, begleitet von Ute Falkenau am Klavier

PRESSESTIMMEN


Für das gute Neue

Dem Theater im Palais gelingt mit dem Fontane-Programm „Gelacht, geweint“ ein kluger wie spannender Abend über die Denkweise des Dichters

Berlin. Man hört’s von allen Seiten und auf allen Kanälen: Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren. Und so vernimmt man es natürlich nun auch im Berliner Theater im Palais, obwohl Fontane zwar oft über, aber nie für das Theater geschrieben hat. Trotzdem ist er quasi der Hausheilige und Schutzpatron der kleinen Bühne, die seit 1991 im Palais am Festungsgraben nahe jenem legendären Kastanienwäldchen in Mitte daheim ist, das Fontane beschrieb, als er mit seinem Vater 1848 daran vorbeispazierte.
„Gelacht, geweint: Fontane“ heißt das neue Programm, das ausschließlich aus Originalzitaten besteht. Annette Klare, die für diesen Abend überdies die Regie übernahm, hat sie aus Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, aus seinen Briefen, Theaterkritiken und Erinnerungen zusammengestellt. Das ergibt in Summe einen wunderbar klugen und spannenden Streifzug durch seine Lebensphilosophie und Denkweise, durch seine differenziert-empathische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart.
Gabriele Streichhahn, JensUwe Bogadtke und Carl Martin Spengler kommen zu Anfang in schwarzen Anzügen und weißen Hemden mit Halsschleifen herein und wirken in ihrer engen Reihenaufstellung wie eine verschwörerische Tanzgruppe. Die Bühne ist leer bis auf einen dunklen Tisch samt Bank und einer weinrankenhaften Lampe, die apart in die Szenerie leuchtet. Alle drei sprechen vorzüglich und agieren so überzeugend wie vergnügt. Das ist gar nicht leicht, denn es sind ja keine dramatischen Texte, die sie hier auffrischen und aufpolieren, sondern in schönen szenischen Miniaturen zum Beispiel Überlegungen über das Alte im Allgemeinen – „Ich bin für das Neue, wenn es gut ist“ – vortragen. Oder über jene drei Monate, die Fontane als angeblicher Spion 1870 in Frankreich im Gefängnis saß. Oder über seinen Zeitgenossen Richard Wagner, dem er attestiert, dass er „Vers und Sprache wenigstens gelegentlich mit wirklicher Meisterschaft“ behandelt habe, selbst wenn Fontane aus einer Vorstellung von „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen schon recht bald floh: „Mir wird immer sonderbarer, und als die Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich: ‚Noch drei Minuten, und du fällst ohnmächtig oder tot vom Sitz.‘“ Ute Falkenau, die in bewährter Weise einfühlsam vom Klavier aus begleitet und diesmal vor allem mit Kompositionen von Edvard Grieg die musikalischen Kontrapunkte setzt, zitiert jetzt natürlich mit flinken Fingern das Vorspiel zum „Parsifal“.
Zum Höhepunkt der Aufführung entwickelt sich die Geschichte von Kronprinz Friedrich und Leutnant Hans Hermann von Katte, der wegen seiner Unterstützung der Fluchtpläne des Ersteren vom König zum Tod verurteilt und 1730 in Küstrin enthauptet wurde. Allein im Scheinwerferlicht erstarrt, trägt Bogadtke ergreifend Kattes Bekenntnis und Gnadengesuch an den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. vor, das ihm trotz aller Offenheit, Integrität und Eloquenz jedoch nichts nützen wird.
Überhaupt ist das Ensemble in der gelungenen Inszenierung mit schöpferischer Genauigkeit und suggestiver Konzentration Fontanes Texten auf der Spur und lässt sie aktuell und kraftvoll, relevant und witzig erscheinen. Alle hören aufeinander und dann wieder auf die Musik. Und so hört ihnen auch das Publikum begeistert und beglückt zu.

Märkische Oder Zeitung, Irene Bazinger

PRESSESTIMMEN


Fontane leibhaftig

Man kann Fontane im Jubiläumsjahr auch fast leibhaftig begegnen. Im "Theater im Palais" am Festungsgraben, hinter der Neuen Wache Unter den Linden. Wenn man an den Porträts des Dichters im Foyer vorbei spaziert ist und dann den Auftritt von Carl-Martin Spengler auf der Bühne erlebt, glaubt man, Fontane selbst sei erschienen.

Sekundiert wird Spengler beim Programm "Gelacht, geweint: Fontane" von Gabriele Streichhahn und Jens-Uwe Bogadtke. Das Trio präsentiert Ansichten Fontanes zu Leben im Wilheminischen Preußen und Auszüge aus seinen bekannten "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Manches, was Fontane vor rund 150 Jahren zu sagen hatte, scheint heute noch aktuell. Fallbeispiele:

Die ganze Welt, man könnte beinah sagen: die Sozialdemokratie mit eingerechnet, hat sich durch gesteigerten Besitz und durch gesteigerte Lebensansprüche bis zu einer gewissen Bourgeoishöhe, vielfach von greulichstem Protzentum begleitet, entwickelt.

Theodor Fontane "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" 

Alles dient dem Äußerlichen; auf den ersten Ruck ist dadurch was gewonnen, die Sinne werden befriedigter, aber so wie man ein bisschen schärfer zusieht, nimmt man eine Äußerlichkeitsherrschaft wahr, die mit einer Verrohung Hand in Hand geht.

Theodor Fontane "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"

 
Geradezu anrührend spielt das Trio Fontanes Beschreibung der "Katte-Tragödie" nach. Heute ist der junge Offizier fast vergessen, der dem jungen Friedrich, als er noch Kronprinz und nicht der Große war, die Flucht vor dem strengen Vater ermöglichen wollte und dafür mit seinem Leben bezahlte. Wenn Kattes Kopf auf der Bühne fällt, darf durchaus eine Träne gedrückt werden. Ein schöner, nachdenklicher Theaterabend.

MDR AKTUELL, Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent